11.02.2019: Interview mit Pflanz-Planerin Christine Orel

Wenn die Besucher der Gartenschau Wassertrüdingen im nächsten Sommer vor blühenden Beeten stehen, sehen sie eine harmonische Komposition von Farben und Formen. Möglich macht diesen Genuss das Konzept von Landschaftsarchitektin Christine Orel, die mit ihrem Entwurf den Wettbewerb für die Gestaltung der Pflanzungen für sich entschieden hat. Anfang Dezember 2018 hat sie die Blumenzwiebeln ausgelegt, die im nächsten Jahr in voller Pracht stehen werden. Im Interview spricht sie über ihre Arbeitsweise, Pflanzungen mit Aussage und ihre Demut gegenüber der Natur.


Frau Orel, wie gehen Sie bei der Entwicklung eines Pflanzkonzepts vor?

Christine Orel: Zuerst setze ich mich intensiv mit dem Gelände und seiner Umgebung auseinander. In einem ersten Schritt leistet hier Google Maps gute Dienste, und ich schaue mir den Ort, wenn möglich, natürlich selbst an. Aber auch die Geschichte des Ortes oder der Gegend spielt eine Rolle. Was war hier früher los? Gibt es Sagen und Mythen? Welche Pflanzen sind hier heimisch? Welche Blickbeziehungen liegen vor? Gibt es markante Gebäude mit prägender Farbgebung? All das gilt es zu berücksichtigen. Habe ich diese Gesamtheit verinnerlicht, den „Geist des Ortes“ erfasst, kristallisiert sich langsam vor meinem inneren Auge ein Konzept heraus, für das ich dann die in Form, Farbe und Größe passenden Pflanzen auswähle. Das ist ein Prozess wie Malen oder Komponieren. Dafür ist zum einen die genaue Kenntnis der verschiedenen Pflanzen, zum anderen Erfahrung und Fingerspitzengefühl nötig.

 

Was macht in Wassertrüdingen diesen „Geist des Ortes“ aus?

Christine Orel: Im Wörnitzpark bestimmen das Schloss und das Wasser das Pflanzkonzept: Deshalb wogt hier eine große Blumenwelle, die sich über die verschiedenen Flächen vom Eingang zur Wörnitz hin verdichtet und vielfältiger wird. Die Pflanzungen im Klingenweiherpark thematisieren den Übergang in die Natur: Hier herrscht eine helle, heitere Stimmung mit einer fröhlichen Blumenwiese. Innerhalb der einzelnen Pflanzungen gibt es noch bestimmte Themen, wie zum Beispiel allerlei „Essbares“ im Genussbeet im Klingenweiherpark.

 

Was ist in Ihren Augen das Besondere an der Gartenschau in Wassertrüdingen?

Christine Orel: Ich mag an dieser Stadt das Charmante, Lauschige, Wohltuende und Gemütliche. Das überträgt sich auf die Gartenschau und alles und alle, die damit zu tun haben. Das macht es auch sehr angenehm, hier zu arbeiten.

 

Sie sind bekannt dafür, anspruchsvolle Konzepte mit tieferer Bedeutung und Aussage zu realisieren. Wie schaffen Sie den Spagat zwischen künstlerischen Anspruch und einer Pflanzung, die auch ohne eine Deutung überzeugt?

Christine Orel: Eine Pflanzgestaltung darf gerne mehrere Aussageebenen haben. Sie kann zum Beispiel eine Stimmung wiedergeben oder abstrakte Werte wie Harmonie oder Disharmonie verkörpern. Ich habe einmal die vier Elemente Feuer, Erde, Luft und Wasser als Pflanzungen gestaltet, oder in Rostock den „Garten der Charaktere“ angelegt. Er zeigt Gemütslagen wie Heiterkeit, Trauer oder Aggression. Eine philosophische oder künstlerische Aussage kann man also durchaus mit einer Pflanzung treffen, allerdings darf sie den Betrachter auch nicht überfordern – zumal die erklärenden Tafeln oft nicht genügend Platz bieten, um solche Gedanken wirklich zu erklären. Kann oder will ein Betrachter diese Aussage nicht sehen oder teilt er sie nicht, soll sich für ihn dennoch ein Bild bieten, das ihm in Erinnerung bleibt. Mit diesem Anspruch gehe ich an meine Konzeptionen heran.

 

Wie erreichen Sie, dass eine Pflanzungen in Erinnerung bleibt?

Christine Orel: Zum einen muss sie in ihrer Komposition wirklich einzigartig und überraschend sein. Gerne kombiniere ich zum Beispiel Bekanntes mit eher Unbekanntem, Außergewöhnlichem. So entdeckt jeder in einer Pflanzung etwas, das ihm irgendwie vertraut ist – nach dem Motto: „Diese Pflanze kenne ich, die hat meine Freundin auch in ihrem Garten!“ – und entdeckt auch Dinge, die neu und ungewöhnlich sind. Zweitens soll eine Pflanzung auch inspirieren, die Phantasie anregen und Ideen geben, wie man selbst Formen und Farben kombinieren und den eigenen Garten gestalten kann. Ist das erfüllt, bleibt sie auch gerne in Erinnerung.

 

Sie planen nicht nur, sondern gehen auch bei Hitze, Kälte, Regen oder Schnee in Gärten und auf Baustellen, legen selbst Blumenzwiebeln aus, pflanzen Stauden und Bäume. Mögen Sie diese Arbeit abseits des Schreibtischs?

Christine Orel: Oh ja, sehr! Diese Tage auf dem Gelände, das ich gestalte, faszinieren mich ganz besonders. Ich mag die Nähe zur Natur, das ist schließlich mein Beruf. Denn der Natur sind wir Landschaftsarchitekten und Gärtner in allem, was wir tun, vollkommen ausgeliefert – und das meist zu unserem Nachteil. Einmal haben uns zum Beispiel die Krähen sämtliche Blumenzwiebeln aus der Pflanzung gehackt. Oder: Wollen wir, dass die Blumenzwiebeln zu einem bestimmten Termin aufgehen, können sie aber aufgrund der Witterung nicht rechtzeitig pflanzen, müssen wir sie im Warmen vorkultivieren. Die Natur hält also allerlei Überraschungen für uns bereit. Da müssen wir immer neu reagieren und nicht selten auch improvisieren. Aber das finde ich überhaupt nicht schlimm, ganz im Gegenteil: Es zeigt die Ordnung der Dinge und wie abhängig der Mensch doch von der Natur ist. Ich sage immer: Bei der Arbeit mit der Natur braucht man Demut.

 

Christine Orel ist Landschaftsarchitektin und seit 1990 selbstständig, aktuell mit dem Planungsbüro Orel + Heidrich Landschaftsarchitekten in Herzogenaurach (www.orel-plus-heidrich.de). Sie plant Gärten, die Umgebung von Produktionsstätten und Büros und vieles mehr. Ihr Spezialgebiet sind anspruchsvolle Pflanzungen, ihre Leidenschaft gilt den Stauden. Sie arbeitet für private und kommunale Auftraggeber und hat bereits viele Pflanzungen für Bundes- und Landesgartenschauen entworfen. Die Größe ihrer Projekte reicht von einzelnen Balkonkästen („Das war mein kleinstes Projekt, für eine alte Dame in München.“) bis hin zu Anwesen mit mehreren Hektar Größe.